Die Aufgabe, die Struktur und Entwicklung des gesamten Universums zu ergründen, scheint schon deshalb ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein, weil wir nur einen räumlich und zeitlich äußerst kleinen Teil davon direkt beobachten können. Außerdem liegt das Universum (definitionsgemäß) nur einmal vor und kann nicht von ,,außerhalb`` analysiert werden, was einen erheblichen erkenntnistheoretischen Unterschied zu allen anderen Bereichen der Physik bedeutet.
Die einzige Möglichkeit scheint darin zu bestehen, einfache Grundannahmen zu machen, deren Implikationen dann mit Hilfe der allgemeinen Relativitätstheorie (ART) und den uns zur Verfügung stehenden beobachtenden Mitteln überprüft und später verfeinert werden können. Diese Annahmen können dabei aus grundlegenden Beobachtungen motiviert sein (z.B. der Beobachtung des Sternenhimmels) oder einem eher philosophischen Hintergrund entspringen. Auf ein Prinzip, das praktisch den Begriff ,,Naturgesetz`` konstituiert, kann man dabei nicht verzichten: Die Naturgesetze und Naturkonstanten sind an allen Orten und zu allen Zeiten gleich. Daß man auf diese Weise überhaupt ein konsistentes Bild des Universums erhält, ist dabei keineswegs von vorneherein sichergestellt.
Tatsächlich gelangt man aber mit den beiden folgenden einfachen Annahmen zu einem Modell, dem kosmologischen Standardmodell, das sich in der Beschreibung der großräumigen Strukturen des Universums als bemerkenswert gut herausgestellt hat und viele Beobachtungen in natürlicher Weise erklären kann. Die Annahmen, die zusammengenommen als kosmologisches Prinzip bezeichnet werden, sind
Die erste Annahme drückt aus, daß unser Standort im Universum nicht vor
anderen ausgezeichnet ist, was ein eher weltanschauliches Prinzip ist und
auch Kopernikanisches Prinzip genannt wird.
Die zweite Annahme gründet sich vor allem auf Beobachtungen der großräumigen
Verteilung der Galaxien und der noch zu besprechenden
Mikrowellen-Hintergrundstrahlung, die bis auf eine relative Abweichung von
ca.
völlig isotrop ist.
Diese intuitiven Formulierungen lassen sich mathematisch präzisieren:
, so daß
es für jedes t und zwei Punkte
eine Isometrie
der Raumzeitmetrik gibt, die P und Q ineinander überführt.
, die die Raumzeit ausfüllen und die folgende
Eigenschaft haben: Zu jedem Punkt P und zwei (raumartigen) Vektoren
und
am Punkt P, die orthogonal zu
sind, gibt es eine
Isometrie der Raumzeitmetrik, die
und
ineinander überführt,
ohne P und
zu verändern. Man kann also keinen geometrisch
ausgezeichneten Vektor konstruieren, der orthogonal zu
ist.
In einem homogenen und isotropen Universum sind die Homogenitäts -
Hyperflächen
orthogonal zu den Tangenten
der
Weltlinienkongruenz.
Die Geometrie dieser dreidimensionalen Hyperflächen soll nun etwas
präzisiert werden. Ein homogener isotroper Raum mit der Metrik
ist ein Raum konstanter Krümmung mit dem Krümmungstensor

und dem Linienelement

mit
. Dabei ist
eine beliebige positive
Funktion, die Skalenparameter (oder auch Weltenradius) genannt wird.
Gemäß dem Wert von k spaltet sich der Raum in drei verschiedene Typen auf.
Für k = - 1 liegt ein
Raum konstanter negativer Krümmung vor, k = 0 entspricht einem flachen
Raum, und der durch k = 1 gegebene Raum ist endlich und hat eine
konstante positive Krümmung. Die Universen heißen entsprechend offen,
flach oder geschlossen. Aus astronomischen Beobachtungen und vor allem aus
theoretischen Gründen glaubt man heute, daß unser Universum praktisch
flach ist.
Wegen der Orthogonalität von
und
(den Tangenten der
Weltlinienkongruenz) kann das Linienelement der vierdimensionalen Raumzeit
keine gemischten Terme von Zeit- und Ortsdifferentialen enthalten. Es lautet
daher

Diese Metrik heißt Robertson-Walker-Metrik, sie ist die Grundlage des
Kosmologischen Standardmodells.
Die Zeitentwicklung der Funktion
als Lösung der Einsteinschen
Feldgleichungen soll im nächsten Abschnitt behandelt werden.
Den beiden Grundannahmen der Homogenität und Isotropie muß man noch eine Annahme hinzufügen, wenn die Zeitentwicklung des Universums betrachtet werden soll:
Die großräumigen Strukturen des Universums werden nur durch Gravitationskräfte beeinflußt.
Wegen der Kurzreichweitigkeit der Kernkräfte und der weitgehenden Neutralisierung der elektrischen Ladungen auf großen Skalen ist dies eine sehr plausible Annahme. Wenn man die ART voraussetzt, ergeben sich daraus zwei Folgerungen:
bewegen sich auf Geodäten:


miteinander verknüpft. Wegen der Homogenität und Isotropie können außerdem keine Energieströme und kein anisotroper Druck auftreten. Die Materie liegt daher in Form einer idealen Flüssigkeit vor:

Die Feldgleichungen implizieren somit

wobei der Punkt die Ableitung nach t abkürzen soll.
Wenn die Zustandsgleichung, die
und P miteinander in Beziehung
setzt, bekannt ist, kann man so eine
Lösung für
und für
und
gewinnen.
Die erste Gleichung kann man als Bilanzgleichung zur Erhaltung der Energie interpretieren.
Durch Differentiation der zweiten Gleichung erhält man

Für
, was aus physikalischen Gründen immer erfüllt sein
sollte, ist also
. Das Universum kann daher nicht statisch
sein, es expandiert (
) oder kontrahiert (
). Dieses
geschieht in dem Sinne, daß sich der typische Abstand zweier freifallender
Systeme (z.B. Galaxien) vergrößert oder verkleinert. Es gibt aber kein
ausgezeichnetes Zentrum der Expansion bzw. Kontraktion.
Im Jahre 1929 entdeckte E. Hubble mit Hilfe der Rotverschiebung, daß sich
alle (zumindest alle entfernteren) Galaxien von uns weg bewegen, und zwar
mit einer Geschwindigkeit, die proportional zu ihrer Entfernung ist.
Dieses ist ein eindrucksvoller Beleg für die gegenwärtige Expansion des
Universums und das kosmologische Standardmodell überhaupt. Genau dieses
Bild müßte sich
nämlich jedem Beobachter im Universum bieten: Wenn
der
Abstand zu einer Galaxie zum Zeitpunkt t ist, gilt offensichtlich
. Die Größe
wird als Hubble-Parameter H bezeichnet.
Wenn die Expansion zu allen Zeiten gleich schnell ablief, ist
und somit
. Dieses führt zu dem Ergebnis, daß
vor einem endlich langen Zeitraum
der Skalenparameter a gleich 0 war, was einem unendlich dichten und heißen
Universum entspricht und gemeinhin als Urknall oder ,,big bang``
bezeichnet wird.
Wegen
kann dieser Zeitraum höchstens kleiner als
sein. Aus der erwähnten Galaxienflucht kann man die heutige
Größe von H auf Werte zwischen
und
eingrenzen, was zu einem maximalen Weltalter von 10
bis 25 Milliarden Jahren führt. Dies stimmt recht gut mit den ältesten
bekannten Sternen überein, deren Alter auf maximal 20 Milliarden Jahren
geschätzt wird.
Um exakte Lösungen der Feldgleichungen formulieren zu können, sollen
zwei wichtige Spezialfälle betrachtet werden: Das Strahlungsuniversum mit
und das Staubuniversum mit P = 0. Während für
unsere Epoche das Staubuniversum ein sehr gutes Modell ist, glaubt man,
daß zu früheren Zeiten Materie in Form von Strahlung vorherrschend war.
In einem flachen Robertson-Walker-Universum ergibt sich

Während das offene Modell (k = -1) eine qualitativ ähnliche
Zeitentwicklung besitzt, kommt es in dem geschlossenen (k = 1) nach
einer gewissen Zeit zu einem Ende der Expansion und dann zu einer
Kontraktion, die in einem dem Urknall analogen Zustand mit a = 0 (dem
,,big crunch``) mündet. Für
zeigen aber alle Modelle das
gleiche Verhalten.
In diesem Abschnitt soll skizziert werden, welche Schlußfolgerungen man aus
der Annahme ziehen kann, daß die uns bekannte Physik auch im frühen
Universum Bestand hatte. Das Vertrauen dafür, sich so dem Urknall bis auf
oder gar weniger Sekunden zu nähern, gründet sich dabei auf die
Tatsache, daß die Mikrophysik unterhalb der Temperaturen, die nach dem
kosmologischen Standardmodell nach dieser Zeit herrschen, recht gut bekannt
und im Labor testbar ist, wenn keine Gravitationseffekte auftreten. Die
Gravitationswechselwirkung ist aber gegenüber den anderen Grundkräften der
Natur um viele Größenordnungen kleiner. Außerdem scheinen die wenigen
nachprüfbaren Konsequenzen (siehe unten) dieses Modell zu bestätigen.
Wie man an den Friedmann-Lösungen (1.4), (1.5) sieht, steigt die
Energiedichte der
Strahlung stärker als die der Staubmaterie an, wenn a gegen 0 geht. Zu
frühen Zeiten war daher Strahlung mit
die dominierende Materieform, und für die Temperatur erhält man aufgrund
des Stefan-Boltzmann-Gesetzes
die Beziehung
. Zu sehr kleinen Zeiten muß die Temperatur so
groß gewesen sein, daß Paarerzeugungsprozesse auch für massive
Teilchen mit den entsprechenden Zerfallsprozessen im Gleichgewicht waren.
Mit fallender Temperatur konnten dann schwere Teilchen nicht mehr erzeugt
werden, und immer mehr Teilchen traten aus dem thermischen Gleichgewicht aus.
So glaubt man, daß das Universum zunächst aus einem extrem dichten und
heißen Plasma relativistischer Teilchen bestand, in dem Quarks, Leptonen
und Eichbosonen mitsamt ihren Antiteilchen im thermischen Gleichgewicht
waren. Der Zustand noch vor dieser Phase, in dem Quanteneffekte wichtig
waren, ist Untersuchungsgegenstand der Quantenkosmologie. Deren Status als
physikalische Theorie ist aber schon wegen der Ermangelung einer
quantenmechanischen Gravitationstheorie mehr als zweifelhaft.
Auch auf die Theorie des ,,inflationären Universums`` soll hier nicht
eingegangen werden. Sie sagt eine kurzzeitige exponentielle Expansion des
Universums etwa
nach dem Urknall voraus, die aus einer
nichtverschwindenden kosmologischen Konstante resultiert.
Unterhalb einer Temperatur von etwa
, und somit etwa
nach dem Urknall, konnten sich dann stabile Hadronen bilden, und das
Universum bestand praktisch ausschließlich aus Neutrinos, Antineutrinos,
Photonen, Elektronen, Positronen, Myonen, Antimyonen und einer kleinen Menge
von Protonen und Neutronen im thermischen Gleichgewicht.
Nach etwa
und bei Temperaturen von
konnten
keine Myonen-Antimyonen-Paare mehr erzeugt
werden, so daß diese zerstrahlten. Dadurch wurde die Wechselwirkung der
Neutrinos mit den anderen Teilchen so klein, daß sie aus dem Gleichgewicht
entkoppelten und sich nach etwa
praktisch frei entwickelten. Diese
Neutrinos müßte man auch heute noch als eine auf etwa
abgekühlte
Schwarzkörperstrahlung messen können. Aufgrund der extrem kleinen
Wechselwirkung der Neutrinos mit anderer Materie wird dieses aber in naher
Zukunft nicht möglich sein.
Nach etwa
und bei
zerstrahlten Elektronen und
Positronen in Photonen, wobei
alle Positronen und der Großteil der Elektronen vernichtet wurden. Durch
die Zerstrahlungsenergie erhielten die Photonen dabei eine um den Faktor
1.4 höhere Temperatur als die Neutrinos.
Als die Temperatur unter
fiel, was nach etwa 3 Minuten der
Fall war, konnten sich in komplizierten Prozessen stabile Atomkerne wie
,
,
,
usw. bilden. Nur
stellte aber mit ca. 25 Prozent einen nennenswerten Anteil an
der Gesamtmasse der Materie, die sonst praktisch nur aus Protonen bestand.
Die Tatsache, daß
dieses theoretisch berechnete Massenverhältnis, das durch spätere Prozesse
(z.B. Nukleosynthese in Sternen) nur minimal verändert werden konnte,
mit dem heute beobachteten Verhältnis in Übereinstimmung
ist, bildet eine der Hauptstützen des heißen Urknallmodells.
Die als Rekombination bezeichnete Bildung von neutralem Wasserstoff aus
Protonen und Elektronen fand nach etwa
Jahren bei Temperaturen
von
statt. Da die Photonen danach nicht mehr an freien Elektronen
oder Ionen gestreut werden konnten, kam es so zu einer Abkopplung der
Photonen, das Universum wurde ,,durchsichtig``. Das Universum müßte heute
also mit einer Schwarzkörperstrahlung von Photonen gefüllt sein, die sich
seit der Rekombination frei entwickelten. Genau diese 1948 von G. Gamov
vorhergesagte Mikrowellen-Hintergrundstrahlung wurde 1965 zufällig von
A.A. Penzias und R.W. Wilson entdeckt, was ihnen bekanntlich den
Nobelpreis einbrachte.
Sie ist über den gesamten Himmel praktisch isotrop. Nach neuesten Messungen
beträgt der relative Temperaturunterschied etwa
(tatsächlich mißt man
zusätzlich einen Dipolanteil mit einer Temperaturanisotropie von etwa
, der aus der Relativbewegung der Erde zum
Mikrowellenhintergrund resultiert). Damit stellt sie das vielleicht wichtigste
Indiz für das kosmologische Standardmodell dar, insbesondere für die
Grundannahme der Isotropie.
Nach der Rekombination konnten sich kleine Inhomogenitäten zu Galaxien und Sternen entwickeln. Die dazu notwendigen Inhomogenitätsskalen sind allerdings nicht mit der hohen Isotropie der Hintergrundstrahlung vereinbar. Dieses stellt eines der größten Probleme der heutigen Kosmologie dar, das auch durch das mögliche Vorhandensein von nichtbaryonischer Materie (,,dark matter``) noch nicht befriedigend gelöst werden konnte.
Nach etwa
Jahren wurde dann der Energiebeitrag der Baryonen größer
als der der Strahlung. Das Universum wurde Staub-dominiert, was es bis
heute geblieben ist.
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